Freitag, 21. November 2008

Von Einsamkeit und Elchspuren

Auch wenn Karlstad keine Weltstadt ist; die richtige schwedische Einsamkeit, tief im Nadelwald, irgendwo an einem See, habe ich bis jetzt noch nicht getroffen bzw. nicht bis gestern. Mein Kurs "Nordic environmental studies" führte uns mal wieder auf Exkursion - diesmal nach Älvsjöhyttan (sollte jetzt jemand auf die Idee kommen, diesen Ort bei GoogleEarth zu suchen, kann ich gleich sagen: hoffnungslos. Der Ort ist so klein, der ist nichtmal verzeichnet. Für alle trotzdem Interessierten: etwa 30 km über Filipstad). Älvsjöhyttan liegt mitten im Wald, an einem Fluss und hat 17 (!!) Einwohner. Eine davon ist unsere Dozentin Pia. Sie betreibt nebenbei ein Hostel in der alten Schule des Dorfes (früher 10 Schüler, heute keine mehr), was für eine Nacht unsere Bleibe war. Thema diesmal: die Beziehung zwischen Mensch/Kultur und Natur. Und wo spricht man darüber besser, als in einem 17 Seelen Dorf. So stapften wir bei bis zu -8 Grad durch das Dorf, ein bisschen durch den Wald, aßen am Lagerfeuer auf der "Igelhöhe", hielten Seminar im ehemaligen Klassenzimmer und diskutierten Kultur und Natur über Elchfleisch und Hagebuttensuppe. Soviel "back to nature" hatte ich noch nie: kein Internet, nur spärlicher Handyempfang, Stromausfall mitten am Tag, arktische Temperaturen, kein Supermarkt, keine Straßenbahn. Dafür aber: der klarste Sternenhimmel, den ich je gesehen habe. Und Elchspuren im mitternächtlichen Neuschnee, völlig entspannte Einwohner und ein Auto, dass weder mit Öl, noch mit Benzin, sondern allein mit brennendem Holz betrieben wird (ein technisches Wunder, meiner Meinung nach).
Wer mich nach meinem 65-jährigen Geburtstag sucht, sollte sich auf den Weg nach Älvsjöhyttan machen.



PS: 17 Einwohner! Ich frage mich, was ich eigentlich immer an Marbach auszusetzen hatte.

Mittwoch, 19. November 2008

Go east

Studenten, so sollt man ja meinen, brauchen keinen Grund zum Feiern. Dass dem aber doch so ist, lernt man in Schweden. Partys werden hier stets mit einem Motto versehen oder als Bildungsreise getarnt. "Horizonterweiterung in Lettland", EU-Osterweiterung etc. - irgendwie lässt sich sowas schon verpacken. So auch in unserem Fall.
Am Sonntag enterten 1200 Austauschstudenten aus ganz Schweden, darunter etwa 100 aus Karlstad die "Regina Baltica" (die vor drei Jahren übrigens auf Grund gelaufen war) im Stockholmer Hafen. Über Nacht ging es gen Lettland, um dort acht Stunden zu verweilen und dann wieder die Übernacht-Heimfahrt anzutreten.
Das eigentliche Hightlight war aber die Schiffstour. Die Szenen, die sich bei der Öffnung des Duty Free Shops abspielten, glichen der Öffnung Aldis an einem Mittwochmorgen, an dem es Hightech-Laptops im Angebot gibt - getreu dem Motto: "Betrunken merkt man wenigstens den Seegang nicht". Zu späterer Stunde drängten sich Studentenmassen auf den Tanzflächen und in der Karaokebar, wirklich erstaunlich, dass es am nächsten Morgen scheinbar doch fast jeder schaffte, von Schiff zu gehen. Über den Zustand einiger schweigt der Verfasser aus Achtung vor derPrivatsphäre. Ungünstig nur in Riga: es war Feiertag bzw. Brückentag vor dem Feiertag. So steuerten wir erstmal ein bisschen orientierungslos durch die, in der Tat, sehr schöne Stadt, die ein bisschen an Erfurt erinnert: kleine, flache Gassen, Fachwerk, unzählige Kirchen und kleine Plätze. Riga hat viel Charm. Die immer wieder aufkommenden Schneestürme überbrückten wir mit einer Shoppingtour durch ein geöffnetes Einkaufszentrum. Gegen Abend schleppten wir uns, ein wenig ausgelaugt wieder zurück auf die "Regina Baltica", um das Spiel vom ersten Abend zu wiederholen. Eigentlich keine schlechte Sache, diese Mischung aus Feier- und Bildungsreise.

Freitag, 14. November 2008

Russky Standard - Ein toter Lenin, der Kreml und die Tsarin

Während Obama den Change nach Amerika brachte, saß ich mit Bernd und 92 anderen Studenten im Bus auf dem Weg in die andere (Ex)-Großmacht. Denn von wo lässt sich so eine amerikanische Wahl besser beobachten, als aus dem fernen Osten?! Acht Tage Russland standen auf dem Programm, Städtetrip nach Moskau und St.Petersburg. Gleich der Reisestart brachte einiges an Aufregung mit sich: mit der Fähre über Nacht nach Finnland. Schlafen auf dem fahrendem Schiff - wow. Leichte Panik stieg in mir auf, als mir bewusst wurde, dass wir noch unter dem Autodeck, das heißt also theoretisch unter Wasser schliefen. Diese Ängste wurden dann aber durch Duty-Freeshopping und dem aufregendem Varieté-Programm auf dem Schiff für etwa 60+ schnell beiseite gefegt. In Finnland angekommen, stiegen wir in den Bus und holperten gen St.Petersburg. Russlands Straßen sind eher Buckelpisten. Schlaglöcher gehören dort zu den wichtigesten Accessoirs. Im Dunkel erreichten wir St.Petersburg, was mir die Kinnlade runterklappen ließ: 500 Paläste hat die Stadt, alle kunterbunt und nachts prächtig angestrahlt. So viel Prunk hätte ich nie erwartet. Dementsprechend vollgepackt war auch unser Touri-Programm der nächsten Tage: der Palast der Katharina der Große hier, Palast von Tsar so und so, Kirche von Tsarin so und so, Eremitage etc. Da ich im russischen Adelsgeschlecht nicht so sehr bewandert bin, bitte ich die unkorrekte Aufzählung zu entschuldigen. Was zu sagen bleibt: St.Petersburg ist wirklich eine beeindruckende Stadt, vor allem im strahlenden Sonnenschein, der uns die ganze Zeit begleitete. Nach drei Tagen ging es dann weiter nach Moskau. Wieder eine Übernacht-Busfahrt. Ich schätze wenn ich mal alt bin und auf Kaffeefahrten stehen sollte, werde ich diese bevorzugt per Schiff absolvieren. Moskau ist nochmal doppelt so groß wie St.Petersburg und genau das vermittelt die Stadt einem auch schon bei der Ankunft: kilometer weite und vor allem hohe Plattenbauten, grau, braun und dunkel. Der Empfang ist nicht so beeindruckend wie in St.Petersburg. Trotzdem ließen wir die Hotspots natürlich nicht aus: Kreml von innen und außen, Bolschoy Theater, die Einkaufsstraßen, die Uni etc. Und, was ganz wichtig ist: am eingewachsten Lenin sind wir vorbeispaziert. Dafür mussten wir allerdings erst das weitreichende Sicherheits-und Ehrerweisungsprogramm verinnerlichen: nicht stehen bleiben, nicht reden, keine Mütze, keine Handschuhe, Hände aus den Taschen. Im Gegensatz zum Mainstreamprogramm unserer Gruppe setzten wir uns sogar mal ab, um den Fernsehturm zu besichtigen, weil der aus technischer Sicht wohl sehr beeindruckend ist. Letztlich zeigten wir uns aber mehr begeistert von dem Denkmal für die russischen Kosmonauten. Alles in Allem auch schön - aber im Nachhinein nicht so schön wie St.Petersburg. Nach vorsichtigem Ertasten des Gefahrenpotentials beider Städte stellten wir fest, dass es sich durchaus auch lohnt, nachts rumzuschlendern. Man wird nicht gleich überfallen oder erstochen. Alles im grünen Bereich.
Unsere Machtübernahme im Kreml ist gescheitert, weil Herr M. und Herr P. nicht in den heiligen Hallen weilten, während wir da waren. Dafür hätten wir ersteren fast in St.Petersburg gesehen, da wir wegen ihm nämlich im Stau standen. Naja, aber das Projekt ist ja noch nicht gestorben - wir bleiben dran.