Eigentlich wollte ich es nicht. Keine Klischeebestätigung. Kein Rumreiten auf vermeintlichen Halbwahrheiten. Aber heute muss es sein.
Es heißt ja oft: die Schweden, die trinken doch so viel. Und auch wenn die Statistik was anderes behauptet, ich muss sagen: oh ja, das stimmt. Erst gestern durfte ich wieder Zeuge werde. Hautnah sogar.
Es war im Nachtbus auf dem Nachhauseweg. Der Bus voll mit jungen Leuten, leichtbekleidet und nicht mehr ganz Herr ihrer Sinne. Wahrscheinlich war ich der einzig nüchterne Mitfahrer an Bord. Ich setze mich also auf einen Klappsitz, dahin, wo sonst Platz für Kinderwagen ist. Direkt über/hinter mir höre ich es schmatzen: ein betrunkenes Pärchen, dabei sich gegenseitig aufzuessen. Also stecke ich mir die Stöpsel meines mp3 Players in die Ohren und wünsche mich in mein Bett. Wenige Sekunden später nehme ich einen beißend-säuerlichen Geruch wahr und konstatiere: jemand hat sich seines Überschusses an Alkohol entledigt. Oral, dem Geruch zufolge. Ich blicke suchend herum, aber alles was ich sehen kann sind mitleid-geschwängerte Blicke der anderen Mitfahrer in meine Richtung. Was wollen die denn? Ich habe nicht gekotzt, denke ich. Der Geruch wird stärker und ich vernehme langsam eine warme, breiige Sustanz meinen Rücken runterkriechen. Bingo! Dem Mädel des sympatischen Paares über mir ging es anscheinend nicht gut. Und da kotzt man doch lieber seiner Mitfahrerin auf und in Jacke und Kapuze als in eine Tüte oder den Mülleimer. Meine grenzenlose Wut konnte ich leider nicht an der jungen Dame auslassen, da die ob ihrer Trunkenheit nicht mehr ansprechbar war.
Das Ende der Prozedur: ich hatte noch eine halbe Stunde Fahrt vor mir, in der ich permanent gegen meinen eigenen Brechreiz (ausgelöst durch den Geruch und die Tatsache des Vollgebrochen seins, nicht durch Alkoholkonsum!) kämpfen musste. Zuhause angekommen wurde die Jacke gründlich gewaschen, auf den Balkon verbannt und gleich die Waschmaschine für heute Nachmittag geblockt.
Nach geschätzten zehn Litern Weichspüler und einem 40°C Waschgang riecht sie nun wieder nach "Blütenduft" à la Lenor. Mein Bad hingegen hat immer noch etwas von dem beißenden Geruch aus dem Bus.
Soviel zum Thema Klischeebestätigung.
PS: Um mich dem Vorwurf der einseitigen Darstellung zu verwahren: Selbst in einer meiner letzten Vorlesungen fiel die Behauptung (von einem Schweden wohlgemerkt!), Schweden werde oft mit den vier großen S assoziiert: suicide, sex, socialdemocraty und spirit (=Hochprotzentiges).
Laut Statistik trinken die Schweden nur halb so viel Alkohol (nämlich 5,62 Liter reinen Alkohol pro Jahr und Kopf) wie die Deutschen (10,71 l). Aber entweder nimmt die Menge hier mit steigendem Alter exponentiell ab, so dass die Jugend den Großteil konsumiert, sich die Gesamtsumme dann aber auf die komplette Bevölkerung umlegt oder die 5,62 Liter werden auf einmal konsumiert und dann wieder ein Jahr lang nicht. Ich werde es rausfinden.
Mehr Infos hier: http://data.euro.who.int/alcohol/Default.aspx?TabID=4936